Lothar Wolleh (1930 - 1979), ein Schüler von Otto Steinert, war einer der er- folgreichsten Werbefotografen der Bundesrepublik. Ende der sechziger Jahre verabschiedete er sich aus dem Werbegeschäft und begann, auf Anregung seines Freundes Günther Uecker, international bekannte Maler, Bild- hauer und Aktionisten zu porträtieren.

 

Wolleh in seiner Düsseldorfer Wohnung, 1979

Ab diesem Zeitpunkt arbeitete Wolleh kaum noch kommerziell als Berufsfotograf, der Auftragsarbeiten annahm, sondern konzentrierte sich hauptsächlich auf Projekte und Ideen, die ihn faszinierten.

Es entstanden eigenen Fotobuchprojekte bzw. fotografische Kunstmappe wie Art Scene Düsseldorf 1 (1972), Art Scene Düsseldorf 2, das Nagelbuch mit Günther Uecker (1970/71), das Unterwasserbuch mit Joseph Beuys (1971) das unveröffentlicht gebliebene Schoonhoven-Buch (1969-71) oder der ebenfalls unveröffentlicht gebliebene Fotoband Die Neuen Realisten über die gleichnamige Künstlergruppe.

Das Foto-Buch war fest im künstlerischen Denken Lothar Wollehs verankert und manifestierte sich auch außerhalb der Zusammenarbeit mit Künstlern. Bereits 1965 entstand der Band Das II. Vatikanische Konzil. Die Frage, wie sich der gläubige Mensche, geistliche Autorität und religiöse Masse im fotografischen Bild bannen und interpretieren, lassen faszinierten ihn und ließen ihn immer wieder religiöse Orte oder Menschen aufsuchen. 1975 entstand der Band Apostolorum Limina, der die Feierlichkeiten zum heiligen Jahr thematisiert. Die Bände Die schwarze Madonna von Tschenstochau und Schloß Wawel blieben unvollendet.

Das Portrait stellt ein zentrales Sujet im Werk Lothar Wollehs dar.

Ähnlich systematisch wie den Künstler widmet sich Wolleh in den Jahren 1971-73 dem Portrait-Zyklus Männer der Wirtschaft. Das Ergebnis ist eine Art “Who’s Who” der bundesrepublikanischen Wirtschaftselite, die an der Spitze derjenigen Firmen stehen, die entscheidend die Geschicke der Bundesrepublik dieser Jahre mitbestimmen – VW, BMW, Deutsche Bank, Siemens, Bosch, MAN oder Neckermann. Der Zyklus blieb im Lichte der Kampagne der RAF unveröffentlicht.

Bis zu seinem überraschenden Tod im Jahre 1979 arbeitete Lothar Wolleh an der Serie Künstlerporträts. Zweifelsohne sind diese Arbeiten der zentrale Werkkomplex in Wollehs fotografisch-künstlerischen Schaffen. Insgesamt sind 109 Künstler in diesem Zyklus porträtiert worden.

Wolleh hat mit seinem Elan und mit seinem hoch entwickelten Gespür für die Eigenart eines Künstlers eine Porträtreihe entwickelt, die Bild für Bild wie in einem Fokus das Spezifische des Werks der Künstlern erfaßt. Der strenge symmetrische Bildaufbau rückt den Künstler in den Mittelpunkt und entzieht ihm dem Ambiente des Atelier. So vermittelt Wolleh Einsichten in das Schaffen des Künstlers, ohne der üblichen „Maler-Bild-Optik“ zu bedürfen.

Ein weiteres herausragendes Charakteristikum des Künstlerportrait-Zykluses ist, daß Wolleh die Künstler bat ihre Porträts mit eigenen Mitteln zu ergänzen und zu verändern. Zu diesem Zweck wurden die Aufnahmen auf Fotoleinen meist im Format 50 x 50 cm oder 100 x 100 cm aufgezogenen. So ist eine beispiellose Symbiose von Kunst und künstlerischer Photo- graphie entstanden. Fast alle hier gezeigten Porträts sind von dem jeweiligen Künstler überarbeitet worden. Abbildungen überarbeiteter Werke werden zu einem späteren Zeit- punkt in die Webseite eingearbeitet.

Zum näheren Verständnis der Persönlichkeit Lothar Wollehs und seines künstlerischen Werkes sind drei Artikel ausgesucht worden, welche den Anfang und das Ende seines künstlerischen Schaffens markieren.

 

Biographische Angaben

1930          Am 20. Januar in Berlin geboren

1946-48    Studium an der Hochschule für angewandte Kunst, Berlin-Weißensee, bei Otto Sticht und Ernst Rudolf Vogenauer, Klasse für Elementarlehre und gegenständliche Malerei

1950-56    Sechsjährige Haft wegen angeblicher Spionage im Straflager Workuta, Eismeer, UdSSR. Das anfängliche Todesurteil wurde zuerst in 25 Jahre später in 15 Arbeitslager umgewandelt. Im Zuge der erfolgreichen Verhandlungen über die Heimkehr deutscher Kriegsgefangener kam Wolleh 1956 nach Berlin zurück.

1956-57    Ausbildung im Letteverein, Stiftung des öffentlichen Rechts, Berufsfachschule für Photographie, Grafik und Mode, Berlin (West)

1958          Aufenthalt auf Gotland (Schweden). Der mehrmonatige Aufenthalt in Schweden war Teil eines Erholungsprogrammes des Weltkirchenrates für kriegsgeschädigter Jugend- liche. Für Wolleh begründete diese Reise eine lebenslange Zuneigung zu den Menschen und der Landschaft dieser schwedischen Insel. Hier liegt er begraben.

1959-61    Studium an der Folkwang-Schule, Essen, bei Otto Steinert

 

1962-79      Freischaffender Photo- graph mit Wohnsitz in Düsseldorf

1964          Heirat mit Karin Wolleh

1965          Erste Fotobuch ver- öffent lichung „Das Konzil“, Belser Verlag, Stuttgart

1965          Geburt von Sohn Oliver


Hochzeit 1964

1966          Geburt von Tochter Anouchka

1969          Arbeit an dem bis- lang unveröffentlicht geblie- benen Fotoband über Jan J. Schoonhoven.

1970          „UdSSR“, Belser Verlag, Stuttgart

1970          Uecker Monographie, Verlag Galerien der Spiegel, Köln

1972          „Art Scene Düsseldorf“, Belser Verlag, Stuttgart

1972          Film über die Schwarz-weiß-Raum-Aktion von Günther Uecker

1973          „Unterwasserbuch“-Projekt zusammen mit Josef Beuys. Wegen technischer Probleme werden nur drei Exemplare gebunden. Die Aufnahmen werden später unter dem Namen „Drei Tonnen Edition“, Staeck, Heidelberg bekannt

1975          „Apostolorum Limina“, Arkade, Brüssel, Arte press, Brüssel. Das Buch dokumentiert die Festlichkeiten zum „Heiligen Jahr“ 1975.

1977-79    Mehrere Aufenthalte in Polen für die Arbeit an den unvollendeten Foto-Bänden „Die schwarze Madonna von Tschenstochau“ und „Schloß Wawel“.

 

Gerhard Richter, 1968 “Frau Wolleh mit Kinder”
Foto: Lothar Wolleh
(siehe Jeremy Stricks Artikel zu diesem Bild)

Pope Paul VI  and Wolleh with children

Überreichung des Bildbandes Apostolorum Limina
an Papst Paul VI, 1975

 

 

1978          Aufnahmen zu dem Band „Ludwig van Beethovens Leonore, Idee einer Oper“, von Günther Uecker, Belser Verlag, Stuttgart

1979          Aufnahmen zu dem Band „Zum Zeichen der Schrift oder Sprachlosigkeit“, von Günther Uecker, Erker Verlag, St. Gallen

1979          Am 28. September in London gestorben

 

Ausstellungen

1962          Otto Steinert und Schüler - Fotografische Ausstellung
Gruppenausstellung in der Göppinger Galerie, Frankfurt/Main

1964          Farbige Fotografie - Bilder aus dem Vatikan
Einzelausstellung in der Schatzkammer des Essener Münsters. Die Ausstellung wurde vom Essener Bischof Dr. Hengsbach (am 21.3.1964) eröffnet

1965          Zyklus von Farbfotos zum römischen Konzil
Einzelausstellung in der Galerie Valentin, Stuttgart

1972          Szene Rhein-Ruhr '72
Gruppenausstellung im Museum Folkwang, Essen; Lothar Wolleh in der Sektion "junge Fotografen" mit seinen Düsseldorfer Künstlerporträts beteiligt. Weitere Fotografen: Dieter Grundmann (Künstlerporträts), Bernhard und Hilla Becher

1979          Lothar Wolleh – 1930-1979: Portrety Artystow
Einzelausstellung der Künstlerporträts im Muzeum Sztuki, Lodz, Polen

1980          Lothar Wolleh: Künstlerbildnisse – Kunstobjekte, Photographien
Einzelausstellung der Künstlerporträts in der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf, organisiert vom Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen
(Katalog vorhanden)

1986          Lothar Wolleh – Das Foto als Kunststück
Einzelausstellung der Künstlerporträts, Lippischen Gesellschaft für Kunst e.V. im Detmolder Schloss. Die Eröffnungsrede hielt Günther Uecker

1994         Lothar Wolleh 1930-1979: Künstlerbildnisse – Kunstobjekte, Photographien Einzelausstellung der Künstlerporträts im Kunst-Museum Ahlen

1998          Künstlerporträts: als Teil der Ausstellungsfolge "Kunst der Fotografie für die Vereinte" Gruppenausstellung im Ausstellungsfoyer der Vereinten Versicherungen, München. Mit Arbeiten von Kurt Blum, Dennis Hopper, Benjamin Katz, Stefan Moses, Arnold Newman, Man Ray, Rolf Schroeter, Lothar Wolleh

1999-2000    Ansichten vom Künstler: Fotografische Porträts seit 1945
Gruppenausstellung im Schloß Bad Arolsen / in der Städtische Galerie Erlangen / im Stadtmuseum Hofheim. M
it Arbeiten von Stefan Moses, Robert Häusser, Joseph G. Rittenberger, Manfred Leve, Franz Hubmann, Ute Klophaus, Regina Schmeken, Benjamin Katz, Lothar Wolleh

2005-2007    Lothar Wolleh – Eine Wiederentdeckung: Fotografien 1959 bis 1979
Einzelausstellung mit 150 Arbeiten gibt einen Überblick über das Themenspektrum des Wollehschen Werkes. Stationen:
2005            Kunsthalle Bremen (3. 6.– 18. 9. 2005)
2006            Stadtmuseum Hofheim (29. 1. – 2. 4. 2006)
2006            
Kunstmuseum Ahlen (7. 5. – 16. 7. 2006)
2007            
Ludwig Museum im Deutschherrenhaus Koblenz (März bis April 2007)
Die Ausstellung wird von einem Katalog beleitet mit Beiträgen von Wulf Herzogenrath, Klaus Honnef, Frank Laukötter, Karin Lelonek und Beate Reifenscheid.

 

2006         Joseph Beuys in Aktion - Heilkräfte der Kunst: Hommage zum 20. Todestag
Gruppenausstellung im museum kunst palast, Düsseldorf. Die Ausstellung befaßt sich in einem ersten Teil mit dem Thema "Beuys und die Medizin" und in einem zweiten Teil mit "Beuys in Aktion" wie ihn Fotografen wie Gianfranco Gorgoni, Bernd Jansen, Ute Klophaus, Hildegard Weber und Lothar Wolleh sahen.

2006         Digitales Erbe: Videokunst in Deutschland von 1963 bis heute
Im Rahmen der Ausstellung wird die Foto-Dokumentation von Lothar Wolleh zu der auch auf Video aufgezeichneten Beuys-Aktion "Filz TV"
ausgestellt. Kunsthalle Bremen (24.3 - 4. 6. 2006).

 

Bibliografie

Veröffentlichte Bücher und Editionen

Lothar Wolleh: Das Konzil. II. Vatikanisches Konzil. Eine Dokumentation unter Mitwirkung von Pater Emil Schmitz SJ, Radio Vatikan, Stuttgart: Chr. Belser Verlag, 1965

UdSSR. Der Sowjetstaat und seine Menschen. Fotos von Lothar Wolleh u.a., einführende Essays von Heinrich Böll und Valentijn Katajew, Stuttgart: Chr. Belser Verlag, 1970

Günther Uecker / Lothar Wolleh: Nagelbuch. Fotografische Dokumentation nach Aufnahmen von Lothar Wolleh, mit Texten von Günther Uecker und 5 Originalgrafiken; als Buch gebunden in leinengebundener Kassette, diese in der Mitte der Vorderseite mit Nagel durchbohrt und mit Bleistift signiert; Edition Artifex, Hg. Willi Bongard, Verlag Galerie Der Spiegel, Köln, 1970/71, Auflage: 530 Exemplare

Lothar Wolleh: Art Scene Düsseldorf 1, Stuttgart: Chr. Belser Verlag, 1972, (Mappe mit Fotobuch sowie druckgrafischen Blättern und Auflagenobjekten der im Fotobuch präsentierten Künstler Beuys, Gerstner, Graubner, Heerich, Klapheck, Kriwet, Luther, Mack, Palermo), Auflage: 150 Exemplare

Lothar Wolleh: Apostolorum Limina, Verkündigungsbulle “ Apostolorum Limina” des Heiligen Jahres 1975, Brüssel: Arcade Verlag, 1975, (Sonderausgabe mit goldenem Altar von Vic Gentils)

Günther Uecker: Ludwig van Beethovens Leonore. Idee einer Oper, Text: Gerhard Stork, Fotos: Lothar Wolleh, Gestaltung: Tünn Konerding, Stuttgart, Zürich: Belser Verlag, 1978 (ohne Paginierung)

Günther Uecker: Bühnenskulpturen für Lohengrin, Texte: Günther Uecker und Guido de Werd, Fotos: Lothar Wolleh, Gestaltung: Tünn Konerding, Hg. Städtisches Museum Haus Koekkoek, Kleve und Stadtmuseum Düsseldorf 1981 (ohne Paginierung)

Unveröffentlichte Bücher und Editionen von Lothar Wolleh

Schoonhoven-Buch, 1969-1972 (unrealisiertes Buchprojekt), Schwarz-Weiß-Fotografien, Porträtfotografien und Aufnahmen von Kunstwerken, 32 Tafeln mit 56 Fotografien und 7 Tafeln mit formatiertem Blindtext, Tafeln in Leinenkassette im Format 40 x 40 cm

NR: Neue Realisten (Nouveau Realisme), 1970/71 (unrealisiertes Buchprojekt), Schwarz-Weiß-Fotografien, Künstlerporträts der Gruppe Neue Realisten (NR) und Aufnahmen der Veranstaltungen in Mailand 1970 anlässlich des zehnten Jahrestags der Künstlergruppe, inklusive “L’Ultima Cena: Banchetto funebre del Nouveau Realisme” für ein Fotobuch (es existiert ein quadratischer Blindband in rotem Leinenumschlag mit den eingeprägten Namen aller NR-Künstler in einer Leinenkassette); Dazu geplant: druckgrafische Blätter und Auflagenobjekten der im Fotobuch präsentierten NR-Künstler.

Joseph Beuys / Lothar Wolleh: Unterwasserbuch, 1971 (unrealisiertes "Buch"-Projekt); Schwarz-Weiß-Fotografien,44 Fotografien im Format ca. 36 x 36 cm von Joseph Beuys‘ Ausstellungsaufbau im Moderna Museet Stockholm 1971, als Grundlage für die geplante Edition “Unterwasserbuch” (wasserfester Druck der Motive auf PVC-Folie, zu einem Buch gebunden, in einer Wanne liegend und mit einer Taucherlampe angeleuchtet); geplante Auflagenhöhe: 200 Exemplare

Männer der Wirtschaft, 1971-73 (unrealisiertes Buchprojekt), Schwarz-Weiß-Fotografien, 47Fotografien

Auswahlbibliografie zu Lothar Wolleh

Wolf Strache, Otto Steinert (Hg.), Das Deutsche Lichtbild, Jahresschau 1962, Stuttgart: Verlag DSB Dr. Wolf Strache, 1961

Wolf Strache, Otto Steinert (Hg.), Das Deutsche Lichtbild, Jahresschau 1963, Stuttgart: Verlag DSB Dr. Wolf Strache, 1962

Wolf Strache, Otto Steinert (Hg.), Das Deutsche Lichtbild, Jahresschau 1964, Stuttgart: Verlag DSB Dr. Wolf Strache, 1963

Wolf Strache, Otto Steinert (Hg.), Das Deutsche Lichtbild, Jahresschau 1965, Stuttgart: Verlag DSB Dr. Wolf Strache, 1964

Szene Rhein-Ruhr '72. Ausst.Kat. Museum Folkwang, Essen, 1972

Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf (Hg.), Lothar Wolleh: Künstlerbildnisse – Kunstobjekte. Photographien, Ausst.Kat. des Kunstvereins Düsseldorf; bearb. v. Karl-Heinz Hering, Düsseldorf 1980. ohne Seitenangaben

Alfred Welti, “Das Foto als Kunststück”, in: Art 8, 1980, S.38-45

Vereinte Versicherungen, München (Hg). Künstlerporträts (Ausst.Kat.), München: Verlag Walter Storms, 1998

Uecker-Zeitung (mit Fotos von Lothar Wolleh und anderen; gestaltet von Günther Uecker und Tünn Konerding, alle Eigenverlag des Künstlers)
Ausgabe 2-70 (Düsseldorf 1970)
Ausgabe 3-71/72 (Düsseldorf 1971)
Ausgabe 4-73/74 (Düsseldorf 1973)
Ausgabe 5-75/76 (Düsseldorf 1975)
Ausgabe 7-78 (Düsseldorf 1978)
Ausgabe 9-82 (Düsseldorf 1982)

 

der portätierten künstler

überblick über alle photos (thumbnail-galerie)

 

back

 

| home | email | top | back |

©2008 Dr. Oliver Wolleh, Berlin